Das Schiffswrack von Antikythera liegt unweit der Nordküste Glyfadia vor der griechischen Insel Antikythera auf etwa 55m Tiefe. Das Wrack selbst lässt sich auf das erste Jahrhundert v. Chr. zurückdatieren. An Bord des Schiffes befanden sich zahlreiche Wertgegenstände und anderweitige Kunstschätze, sowie der sog. Antikythera Mechanismus. Aufgrund des Reichtums an Funden gilt das Wrack als einer der wichtigsten Schiffsfunde der griechischen bzw. römischen Antike und auch zugleich als einer der ersten (dokumentierten) Schiffsfunde aus dieser Zeit überhaupt.
DIE EXPEDITION VON 1900
Entdeckt wurde das Schiffswrack im Jahre 1900 von Schwammtauchern, welche auf der Suche nach Schwämmen auf dem Meeresboden, durch Zufall auf Teile der Schiffsladung (Bronzestatuen) stießen. Zunächst hielten die Fischer die lebensechten Statuen für echte Leichen, erst als der Kapitän des Schiffs, Dimitrios El. Kontos, sich selbst von dem Fund vergewisserte und nur kurz darauf wieder mit einem Bronzearm in der Hand an die Wasseroberfläche kam, war den Männern bewusst auf was sie gestoßen waren.
Nachdem die Fischer am Ende der Saison zurück nach Athen kamen, teilten sie den Fund den Behörden mit, welche ein Schiff der griechischen Kriegsmarine zur Unterstützung des Teams an Schwammtauchern entsandte. Die wissenschaftliche Aufsicht über das Unterfangen erhielt der Athener Professor der Archäologie Antonios Oikonomou.
Das Forschungsteam nahm die Bergungsarbeit der Artefakte im November des Jahres 1900 auf und führte sie trotz des schlechten Wetters und des damit verbundenen hohen Risikos für die beteiligten Taucher den Winter hindurch fort. Da die Arbeiten allerdings nur schleppend voran gingen, wurde in den Monaten darauf eine italienische Firma zur Unterstützung hinzugezogen, mit deren Hilfe die Bergung im September 1901 beendet wurde (Lange Dauer unter anderem aufgrund der sehr schwerfälligen Standardtauchanzüge der Zeit).
Obgleich die meisten der uns heute bekannten Artefakte der Schiffsladung in dieser ersten Bergungskampagne entdeckt und an die Wasseroberfläche gebracht wurden und somit das Unterfangen als die erste massiv erfolgreiche (dokumentierte) unterwasserarchäologische Forschung der Welt angesehen werden kann, sind die damals begangenen Fehler durch die mangelnde fachliche Expertise (und unausgereifte Technologie) nicht zu vernachlässigen. So wurde beispielsweise die heute bereits standardisierte Kartographierung der Objekte am Meeresgrund übergangen, sowie Teile von Marmorstatuen auf dem Meeresgrund zurückgelassen, da diese für verkrustete Felsen gehalten wurden. Außerdem unterlief den Männern eine Bergungspanne, bei der eine Pferdestatue aus Bronze beim Heben ins tiefe Wasser fiel, wo sie unerreichbar für das Tauchequipment dieser Zeit blieb.
Außerdem ist bis heute nicht ganz geklärt, ob sich die Schwammtaucher nicht doch kurz nach ihrem Fund, an den leichter zugänglichen Fundstücken bereichert haben. So befragte der amerikanische Taucher und Archäologe Peter Throckmorton Zeitzeugen auf der Insel Symi, welche behaupteten, Kapitän Kontos und seine Crew hätten zunächst selbst einige Artefakte gehoben und schnellstmöglich verkauft, bevor sie das Wrack den Behörden in Athen gemeldet haben. Zumindest die Tatsache, dass die Bleigewichte der Schiffsanker bis heute nicht gefunden wurden, würde diese Theorie untermauern. Die teuren Bleigewichte waren zur damaligen Zeit bei Schwammtauchern als Ballast zum Abtauchen heiß begehrt.
Allerdings stellen solche Zeitzeugenberichte nicht zwingend ein wahrheitsgemäßes Abbild der Realität dar, weshalb es sich bei diesen Theorien in der Regel nur um vage Vermutungen handelt.
KUNSTGEGENSTÄNDE UND GEGENSTÄNDE DES ALLTÄGLICHEN LEBENS
Statuen
An Bord des Schiffs befand sich eine Vielfalt an Statuen aus verschiedenen Epochen (klassisch bis spät hellenistisch) und Materialien (Bronze, Marmor). Die wohl bekannteste der Statuen ist der sog. „Ephebe von Antikythera“, ein 1,94m und damit überlebensgroßes, außergewöhnlich gut konserviertes Bronze Abbild eines nackten Jünglings, welcher vermutlich aus dem 3. bis 4. Jahrhundert v. Chr. stammt.
Ein weiterer gut erhaltener und populärer Fund, ist der sog. „Kopf des Philosophen“. Dieses leicht überlebensgroße Fragment stammt aus dem 3. Jahrhundert vor Christus und ist lediglich ein Teil einer nur noch in Bruchstücken erhaltenen Bronzestatue.
Außerdem fanden sich 36 weitere Marmorstatuen, die vermutlich alle auf das 1. Jahrhundert v. Chr. datiert werden können. Der Zustand der Statuen variiert dabei stark, je nachdem wie viel im Sediment vergraben und damit vor Erosion geschützt war. Die bekanntesten dieser Statuen sind unter anderem die eines Ringkämpfers und die des Gottes Hermes.
Schmuck
An Bord befanden sich zudem noch weitere Kunstschätze, wie zum Beispiel eine Vielzahl an Schmuckstücken, deren Besitz (also ob sie sich im Privatbesitz mitreisender Passagiere befunden haben oder Teil der Ladung waren) immer noch nicht geklärt ist.
Münzen
Zudem beherbergte das Wrack die größte Anhäufung von kleinasiatischen Münzen außerhalb von Kleinasien, die jemals entdeckt wurde.
Glas
Es fanden sich auch mehrere intakte Glasgefäße aus Syrien bzw. allgemein dem östlichen Mittelmeerraum. Darunter Mosaik-Glasgefäße, von denen ursprünglich angenommen wurde, dass solche Gefäße das erste mal 200 Jahre später gefertigt worden wären.
Keramik
Zudem fanden sich zahlreiche Amphoren und kleinere Behältnisse für Parfums oder Medikamente (zur damaligen Zeit sehr teuer).
DER MECHANISMUS VON ANTIKYTHERA
Abgesehen von all den Kunstschätzen und anderweitigen Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs, fanden die Taucher bei der ersten Bergungsmission auch mehrere rätselhafte, stark korrodierte Bronzezahnräder und andere technische Bauteile, welche zu einem Apparat dem sog. „Mechanismus von Antikythera“ gehörten, von dem wir heute (nach mehreren Röntgenuntersuchungen) wissen, dass er als astronomische Uhr diente. Auch wenn der Mechanismus 75 Jahre lang kaum beachtet wurde, rückte er in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Forschung.
Die späthellenistische Apparatur setzte sich aus über 82 Teilen zusammen (Komponenten sind nur teilweise und stark beschädigt erhalten) , deren komplexes Zusammenspiel auf eine Vielzahl von Verwendungen schließen lässt:
- Mondkalender
- Sonnenkalender
- Kalender für Mond-und Sonnenfinsternisse
- Kalender für olympische und panhellenische Spiele
Der Apparat wurde über eine Kurbel angetrieben und war von außen mit Holz verkleidet. Zudem fand sich noch eine “Gebrauchsanweisung“ in Form von antiken griechischen Inschriften an der Seite der Maschine.
Obwohl die Konstrukteure des Mechanismus immer noch unbekannt sind, geht die Wissenschaft davon aus, dass unter anderem Archimedes mit daran beteiligt gewesen seien könnte.

Das Schiff
Da nahezu alle Holzteile des Wracks mittlerweile zersetzt sind, ist es schwer, genauere Aussagen über die technische Bauweise des Schiffes zu treffen. Einige Fakten sind allerdings klar belegbar und unumstritten. So handelt es sich bei dem Wrack von Antikythera um ein Lastenschiff, welches ein Fassungsvermögen von rund 300 Tonnen besaß. Die Maße belaufen sich auf eine Länge von rund 30-50 und einer Breite von knapp 10 Metern. Zudem lassen die wenigen verbleibenden Eichen-und Ulmenholzbalken auf eine äußerst massive Bauweise schließen, welche für ein Schiff von solch enormen Maßen essentiell wäre. Im Anbetracht der Datierung des Stapellaufs auf rund 220 v.Chr. liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Wrack um ein römisches Transportschiff handelt. Diese Theorie von den massiven Ausmaßen des Schiffs wird von zahlreichen Artefakten an der Fundstelle belegt. So deutet beispielsweise ein Bleirohr auf ein Entwässerungssystem hin, Dachziegel könnten Teile des Decks überdacht haben und ein großes Ankerteil von knapp einem Meter zeugt vom enormen Gewicht des Schiffs. Zudem ist auch das hohe Alter des Schiffs von über hundert Jahren auffällig, da antike Schiffe in der Regel eine kürzere Lebensdauer besaßen.
HINTERGRÜNDE DER FAHRT
Die Route
Ebenso wenig wie über den Schiffstyp, ist auch über die Route des Schiffes bekannt. Allerdings deutet der große Reichtum an Kunstschätzen und anderen wertvollen Gütern an Bord auf eine Beladung in einem großen Hafen im Osten der Ägäis wie zum Beispiel Ephesos hin, auch wenn immer noch nicht ganz klar ist, wo einige Teile der Ladung (wie zum Beispiel die Marmorstatuen) aufgeladen wurden. Das Ziel der Reise war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Hafen in Italien.
Hintergrund
Hintergrund des kostspieligen Imports griechischer Kunstschätze nach Italien ist die Blütezeit des Handels mit Waren und insbesondere Kulturgütern der Ägäis Küste. Die Affinität für antike griechische Kunstgegenstände war zu dieser Zeit sogar so groß, dass der daraus entstehende Handel als der wohl erste großangelegte Kunsthandel der Geschichte bezeichnet werden kann. Griechische Kunst war zu dieser Zeit ein Statussymbol der römischen Oberschicht.
Auch wenn es immer noch mehr als nur unklar ist, wem das Schiff gehörte und vor allem, für wen die kostbare Ladung bestimmt war, geht eine Theorie des griechischen Nationalmuseums in Athen (wo auch die allermeisten Fundstücke des Wracks ausgestellt sind) davon aus, dass das Schiff vom römischen Bankier Titus Pomponius Atticus in Athen für seinen langjährigen Freund Marc Tullius Cicero mit kostbaren griechischen Statuen beladen wurde, welche seine Villen in Rom dekorieren sollten.
Archäologische Untersuchungen und Dokumentation – JACQUES YVES COUSTEAU
1976 beauftragte die griechische Regierung den renommierten Taucher Jacques Yves Cousteau einen zweiten Forschungstauchgang zum Wrack von Antikythera durchzuführen, welches seit den Bergungsarbeiten von 1901 (bzw. einer ersten, abgebrochenen Tauchmission unter der Leitung von Jacques Yves Cousteau 1953) nicht mehr angerührt worden war. Ziel der Expedition war es, die Forschungen mit einem Film (zu Werbezwecken für den griechischen Tourismus) zu begleiten, verbleibende Fundstücke zu bergen und den Fundort zu dokumentieren und zu kartographieren. Cousteaus Team profitierte dabei massiv vom Fortschritt der Tauchtechnik, da sie nun mit modernen Neoprenanzügen, Pressluftflaschen, Saugrohren etc. arbeiten konnten.
Archäologische Untersuchungen und Dokumentation ANTICYTHERA 2014
2014 starteten Dr. Brendan Foley vom Ozeanografischen Institut von Woods Hole USA und Dr. Theotokis Theodoulou vom griechischen Kulturministerium eine erneute Forschungsexpedition. Im Oktober 2014 scannte Foleys Team den Meeresboden und erstellte eine hochauflösende dreidimensionale Karte der Fundstelle. Hierbei zeigte sich, dass viele Fundstücke über einen weitaus größeren Raum verteilt waren und das Schiff vermutlich sogar um 20 Meter länger gewesen sein könnte, als die letzten hundert Jahre angenommen wurde.
„Die Beweise zeigen, dass dies das größte jemals gefundene Schiffswrack aus der Antike war,“ -Dr. Brendan Foley
Zudem war das Forschungsteam mit einem hochmodernen Exo-Tauchanzug, sowie mit sog. „rebreather“ Atemgeräten ausgestattet, welche eine viel längere Verweildauer in solchen Tiefen ermöglichten.
Durch diese Vorteile gegenüber früheren Missionen wurden sogar einige neue Artefakte geborgen; darunter ein über zwei Meter langer Bronzespeer, welcher höchstwahrscheinlich zu einer weiteren Statue gehörte.
Quellen
Beitragsbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffswrack_von_Antikythera#/media/Datei:Antikes_Wrack_von_Antikythera_02.jpg
https://de.wikipedia.org/wiki/Mechanismus_von_Antikythera
https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffswrack_von_Antikythera#Datierung_und_Interpretation
https://www.faszination-uhrwerk.de/m/m-antikythera-de.html
https://www.griechenland.net/nachrichten/kultur/8573-schätze-aus-griechenlands-meerestiefe-das-wrack-von-antikythera
